Von Spuren im Süden Autor Christoff Peters
Im Frühjahr entscheidet nicht nur wo, sondern vor allem wann. Während im Hochwinter Schwachschichten und Triebschnee dominieren, verschiebt sich der Fokus im Frühjahr auf Strahlung, Temperaturgang und tageszeitliche Stabilität. Das Objekt der Frühjahrs-Begierde – der Firn – entsteht, wenn der Schnee durch wiederholtes Anschmelzen und anschließendes Gefrieren in grobkörnigen Schnee mit guter Bindungen zwischen den Körnern und guten Gleiteigenschaften umgewandelt wird. Dieser Prozess erfolgt einerseits durch nächtliche Ausstrahlung der Schneeoberfläche in klaren Nächten und andererseits im Tagesverlauf durch zunehmende Sonneneinstrahlung. Gerade deshalb ist eine gute Tourenplanung mit Blick auf den zeitlichen Ablauf (früher Start) entscheidend – sowohl das Firnfenster als auch die Lawinengefahr verändern sich im Tagesverlauf in Abhängigkeit von Strahlung, Temperatur und Schneedeckenzustand.
Positive Faktoren:
Klare Nacht: starke Ausstrahlung → es bildet sich eine tragfähige Schmelzkruste
Mittlere Höhen: oft ideales Firnfenster → aktuell vor allem oberhalb von rund 1800m und unterhalb rund 2400m
Hochalpin: im Tages- und Jahresverlauf längere Stabilität → späteres Auffirnen. Im heurigen Winter besteht dort stellenweise weiterhin ein relevantes Altschneeproblem!
Schneeoberfläche: Tragender Schmelzharschdeckel → verhindert ein Einbrechen und damit die Belastung tiefer liegender Schwachschichten
Negative Faktoren:
Bewölkung in der Nacht: schwache Abstrahlung → keine tragfähige Schmelzkruste → Gefahr von Nassschneelawinen bereits am Morgen
Die Webcams von foto-webcam.eu geben verlässlich Aufschluss darüber, wie stark die nächtliche Ausstrahlung tatsächlich ist.
Allgemeines:
Bewölkung tagsüber: schwache Strahlung → Schmelzprozess verzögert sich oder tritt nicht ein
Wind: kühlt die Schneeoberfläche → Schmelzprozess verzögert sich oder tritt nicht ein
Tiefe Lagen (< rund 1800m): rasche Durchfeuchtung der Schneedecke → sehr früh starten
Exposition und Sonnenhänge beachten:
Osthänge: früh am Morgen → frühes Auffirnen
Südhänge: klassisches Vormittagsfenster → gutes Firnfenster
Westhänge: später im Tages- und Jahresverlauf → späteres Auffirnen
Nordhänge: bleiben lange winterlich (Achtung auf Altschneeprobleme!)
Neben der Hangausrichtung (Exposition) – abrufbar in gängigen Online-Outdoor-Karten – ist es für die Tourenplanung ebenso hilfreich zu wissen, welche Bereiche eines Hanges zu welcher Uhrzeit sonnenbeschienen sind. Selbst bei einer grundsätzlich sonnseitig exponierten Tour können einzelne Hangpartien oder Rinnenbereiche lange im Schatten liegen und dadurch deutlich spätere Firnbildung oder sogar noch winterliche Verhältnisse aufweisen. Für diese Bereiche muss gegebenenfalls sogar die Lawinengefahr neu beurteilt werden und die Ausrüstung entsprechend angepasst werden (Harscheisen). Ein nützliches Tool um Schattenhänge im tageszeitlichen und jahreszeitlichen Verlauf zu bestimmen, ist die Shade Karte von der Website Alpine Meteo (Link). Das Tool visualisiert die tages- und jahreszeitabhängige Verschattung eines Geländes in Abhängigkeit vom Sonnenstand. Dadurch erhält meine Frühjahrstour eine größere Planungssicherheit.
Ausrüstung:
Harscheisen: Je nach Tagesgang und Exposition besteht in gewissen Hangbereichen Absturzgefahr → Harscheisen gehören zu Frühjahrstouren (in sehr steilem Gelände auch Steigeisen)
Ausreichend Flüssigkeit: Aus Gewichtsgründen empfiehlt sich im Frühjahr eine Trinkblase – sie friert im Gegensatz zum Hochwinter meist nicht mehr ein
Fellwachs: Felle vor der Tour wachsen – für mögliches Anstollen auf Tour sollte ein Wachs mitgeführt werden
Gefahrenzeichen im Frühjahr:
Das Nassschneeproblem hängt mit der Schwächung der Schneedecke durch das Vorhandensein von flüssigem Wasser zusammen und ist in der Regel leicht erkennbar. Die Bildung von Schneeballen oder Schneerollen, kleine nasse Schneebrett‐ oder Lockerschneelawinen kündigen oft nasse Lawinenaktivität an. Tiefes Einsinken zu Fuß oder mit Skiern in die Schneedecke ist ein deutliches Anzeichen fortschreitender Durchfeuchtung und muss mit großer Sorgfalt beurteilt werden. Nassschneelawinen können enorme Kräfte entfalten und sehr groß werden. Im Nahbereich von Felswänden oder steilen Hängen ist große Vorsicht geboten – ebenso müssen potentiell große Auslaufbereiche berücksichtigt werden.
Entspannung des Nassschneeproblems:
Wenn die durch Erwärmung feucht gewordene Schneedecke erneut zu frieren beginnt, gewinnt die Oberfläche allmählich wieder an Festigkeit. Es bildet sich sogenannter Schmelzharsch. Je nach vorangegangener Intensität und Dauer des Gefrierprozesses kann dieser tragfähig sein oder als Bruchharsch auftreten. Erst wenn die Schneeoberfläche so fest gefroren ist, dass man nicht mehr einbricht, ist die Lawinengefahr weitestgehend vorüber. Es ist jedoch zu berücksichtigen, das Schnee ein schlechter Wärmeleiter ist und sich die Abkühlung in tiefere Schichten nur sehr langsam fortsetzt. Da die Lawinengefahr zumeist aus tieferen Schichten der Schneedecke ausgeht, setzt dieser lawinenbegünstigende Prozess häufig erst nach einigen Stunden ein – vereinzelt sogar erst nach Tagen.
Der aktuelle Lawinenlagebericht für die jeweilige Region sollte vor jeder Tour aufmerksam gelesen und in die Planung einbezogen werden, da sich die Lawinengefahr im Tagesverlauf – insbesondere am Nachmittag – deutlich verändern kann. Bei Bedarf veröffentlichen die Lawinenwarndienste dafür einen eigenen Bericht für den Nachmittag.



