Lawinenserie in Tirol: 71 Meldungen innerhalb von drei Tagen

von Spuren im Süden Autor Christoff Peters
Die Ereignisse der vergangenen Tage sind tragisch: Zwischen dem 18. und 21. Februar kamen in Österreich infolge von Lawinenabgängen elf Menschen ums Leben. Damit erhöht sich die Zahl der in der Wintersaison 2025/2026 in Österreich durch Lawinen verunglückten Personen bereits auf 26. Laut dem Österreichischen Kuratorium für Alpine Sicherheit waren es in den vergangenen zehn Jahren im Durchschnitt 16 Personen, die bei Lawinenunfällen ihr Leben verloren. Zudem wurden allein am 20. Februar in Tirol 22 Personen von Lawinen erfasst und teil- oder vollständig verschüttet. Sie überlebten, zum Teil jedoch schwer verletzt. Erfasst sind dabei ausschließlich polizeilich erfasste Ereignisse – die Dunkelziffer dürfte höher liegen.
Ein solches Ereignis zu überleben, ist – neben beeinflussbaren Faktoren wie guter Ausrüstung und Ausbildung – letztlich immer auch eine Frage des Glücks. Die Zahl der Todesopfer hätte durchaus höher ausfallen können. Auffallend an den jüngsten Unfällen ist sowohl die räumliche Verteilung als auch die Nationalität der Betroffenen. Neun der elf tödlich Verunglückten waren Gäste von Skigebieten und kamen im skigebietsnahen Gelände ums Leben. Zwei Personen befanden sich auf Skitouren außerhalb dieses Bereichs. Acht der elf Verstorbenen stammten nicht aus Österreich – sie kamen aus Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, den Vereinigten Staaten, Polen und der Slowakei. Drei der Verunglückten waren Österreicher. Ein ähnliches Verhältnis der Nationalitäten lässt sich auch bei den 22 erfassten und teil- oder vollständig Verschütteten erkennen.
Die körperlichen und psychischen Belastungen für die Einsatzkräfte sind enorm. Einzelne Ortsstellen der Bergrettung mussten an einem Tag mehrfach ausrücken. Die österreichischen Behörden, Lawinenwarndienste und alpinen Institutionen weisen seit Winterbeginn in klarer und fachlich fundierter Form auf die anhaltend kritische Lawinensituation hin. Erfahrene und gut ausgebildete Wintersportler, die sich überwiegend im freien alpinen Raum außerhalb des skigebietsnahen Geländes bewegen, dürften angesichts der zahlreichen tödlichen Unfälle in dieser Saison bereits entsprechend sensibilisiert sein.
Doch wie verhält es sich mit Touristen und Skifahrern, die nicht über ausreichende alpine Erfahrung verfügen und innerhalb von Skigebieten den Schwung ins freie Gelände wagen? Über welche Ausbildung, Ausrüstung und welches Risikobewusstsein verfügen sie tatsächlich – und welche Rolle spielt dabei die Herkunft? Gibt es in anderen Ländern außerhalb des Alpenbogens einen vergleichbar starken institutionellen Fokus auf alpine Sicherheitsarbeit, wie ihn etwa der Österreichische Alpenverein oder das Kuratorium für Alpine Sicherheit in Österreich pflegen?
Es ist davon auszugehen, dass in Ländern mit gering ausgeprägter alpiner Prägung das Thema Lawinengefahr weniger präsent ist. Ob daraus langfristig tatsächlich eine höhere Unfallbeteiligung von Touristen resultiert, ist statistisch nicht klar belegbar. Relativiert wird diese Annahme auch durch eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2002. Der Lawinenforscher Ian McCammon zeigt darin, dass viele Lawinenunfälle nicht primär auf fehlende Information oder mangelndes Wissen zurückzuführen sind, sondern auf sogenannte heuristische Entscheidungsfehler. Dazu zählen etwa Vertrautheit mit dem Gelände, Gruppendruck, soziale Dynamiken oder emotionale Faktoren wie das Gefühl beim Befahren eines unverspurten Hangs. Gerade im skigebietsnahen Gelände kann die vermeintliche Vertrautheit mit der Umgebung und Nähe zu Infrastruktur risikoverstärkend wirken, da sie das Gefahrenbewusstsein reduziert und zu einer Unterschätzung des Lawinenrisikos führt.
Neben dem Appell an die Eigenverantwortung der Wintersportler erscheint eine intensivere Bewusstseinsbildung sowie eine strukturelle Stärkung der Sicherheitsmaßnahmen in Skigebieten – etwa durch verstärkte Präsenz von Fachpersonal – als diskussionswürdiger Ansatz. In welchem Maß beeinflusst die Infrastruktur selbst – Lifte, Beschilderung, Marketing, die Risikobereitschaft der Gäste? Reicht es aus, die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen – oder entsteht aus der Nähe von Liftanlagen zum freien Gelände eine weitergehende Verpflichtung zur Aufklärung und Bedarf an Sicherheitsvorkehrungen?
Klar ist: Die jüngsten Vorfälle erfordern eine kritische Auseinandersetzung mit unserem Umgang mit der Lawinengefahr. Politik, Medien und Akteure des alpinen Tourismus sind gefordert, gemeinsam Strategien zu entwickeln, um das Risiko künftig zu reduzieren und eine Häufung vergleichbarer Ereignisse nach Möglichkeit zu verhindern.

