Was bedeutet der Begriff Lawinenzeit und wieso wiederholt sie sich im Winter 2025/2026?
von Spuren im Süden Autor Christoff Peters

Die Entstehung einer Lawinenzeit lässt sich auf folgende zentrale Faktoren zurückführen:
- Leicht störbare Schwachschichten in der Schneedecke ( beispielsweise durch Kälte entstanden)
- Neuschneeereignis(se) in Kombination mit Wind (Schneebrettbildung)
- Viele Wintersportler (in Ferienzeit oder großer Andrang aufgrund von Neuschneeereignissen)
Als Lawinenzeit bezeichnet man einen meist kurzen Zeitraum, in dem sich Lawinenereignisse häufen und besonders viele Skisportler in Unfälle verwickelt sind. Doch weshalb treten innerhalb weniger Tage so viele Lawinenunfälle auf? Ein gutes Beispiel dafür zeigt die aktuelle Wintersaison 2025/2026. Die derzeitigen Schneeverhältnisse sind ungünstig: Geringe Schneehöhen und über einen längeren Zeitraum anhaltend niedrige Temperaturen haben zur Ausbildung ausgeprägter Schwachschichten in der Schneedecke geführt. Dabei wird die Struktur der Schneekristalle grundlegend verändert — durch aufbauende Umwandlung, bei der sich Kristallformen nach langen Kälteperioden (wie im heurigen Winter) durch wiederholtes Anfrieren von Wassermolekülen zu größeren (bis zu 1 cm), kantigen Strukturen (Tiefenreif) verändern. Wird die Schwachschicht von Neuschnee überlagert, der durch den Wind verfrachtet und verdichtet wurde, entsteht darüber eine gebundenes Triebschneepaket. Wird dieses bei ausreichender Hangneigung (ab etwa 30°) durch eine Zusatzbelastung wie einen Skifahrer belastet, kann sich das gebundene Triebschneepaket – also ein Schneebrett — lösen. Unter Bedingungen wie im heurigen Winter ist zudem auch eine Fernauslösung möglich, bei der die Schwachschicht aus flacherem Gelände und einer gewissen Distanz heraus ausgelöst werden kann. Ein weiterer Aspekt der Lawinenzeit ist die erhöhte Anzahl an Wintersportlern. In den Ferienzeiten oder nach Neuschnee sind besonders viele Menschen unterwegs. Durch verstärkte Befahrung sensibler Hänge steigt die subjektive Exposition deutlich an.

Da der Alpenhauptkamm und die Südalpen durch unterschiedliche Niederschlags- und Windregime geprägt sind, setzt die Lawinenzeit im heurigen Winter für Tourengeher oder Variantenfahrer, die in beiden Gebirgsregionen unterwegs sind, zeitversetzt ein. Aufgrund von ähnlichen meterlogischen Bedingungen (wenig Schnee, lange Kälteperiode) ist die Schwachsicht in beiden Regionen vorhanden und dadurch kann sich eine laufend wiederkehrende Lawinenzeit einstellen.
Erste Lawinenzeit am Alpenhauptkamm
Lawinenunfälle in Salzburg und der Steiermark am 17. Januar
In Österreich führte die erste große Niederschlagsstaffel im heurigen Jahr vom 9. bis 11. Januar zu einer unmittelbaren Verschlechterung der Lawinensituation. Allein am 17. Januar kamen bei den Lawinenunfällen im Großarltal am Throneck, in Bad Gastein an der Schmugglerscharte sowie im Murtal bei Pusterwald insgesamt acht Menschen ums Leben. Der Lawinenwarndienst Salzburg stufte die Lawinengefahr für diese Regionen mit mäßig (Stufe 2) bis erheblich (Stufe 3) ein. In der Woche zuvor berichteten die Salzburger und Kärntner Lawinenwarndienste über eine Vielzahl von Setzungsgeräuschen, Rissbildungen an der Schneeoberfläche sowie Selbstauslösungen. Darüber hinaus warnte der Salzburger Lawinenwarndienst in seinem Blog vor einer hochaktiven Lawinenphase und empfahl das konsequente studieren des Textteils im Lawinenlagebericht.
Zweite Lawinenzeit in den Südalpen
In den italienischen Alpen verloren binnen sieben Tagen elf Menschen ihr Leben – viele Lawinenunfälle in Friaul-Julisch Venetien seit dem 26. Januar.
Drei markante Niederschlagsstaffeln in den Südalpen – am 24./25. Januar, 28./29. Januar sowie vom 3. bis 5. Februar – führten in der Region Friaul-Juliasch Venetien zu einem rasanten Anstieg der Lawinengefahr. In der Folge kam es zu mehreren Lawinenunfällen, viele mit Personenbeteiligung. Drei dieser Unfälle mit Personenbeteiligung ereigneten sich in den westlichen Julischen Alpen, ein weiterer in den friulanischen Dolomiten.
- 27. Januar: Ein Schneebrett löste sich in einem über 40° steilen Nord-Ost Hang im Bereich der häufig begangenen Aufstiegsspur zum Sella Ursic. Zwei Personen werden erfasst und bleiben unverletzt. Eine Person konnte rechtzeitig seinen Lawinenairbag aktivieren.
- 1. Februar: Lawinenunfall auf circa 2.040 Höhenmetern, entlang der Aufstiegsroute, die vom Prevala-Becken (Piano del Prevala) nordseitig zum Prestreljenik Fenster führt. Die beiden Skitourengeher lösten im Zuge einer Querung unterhalb der Felswände der Cima Celso Gilberti in einem über 40° steilen Gelände ein Schneebrett mittler Größe aus und wurden mehrere hunderte Meter mitgerissen. Erst im Nahbereich des Prevala-Becken (Piano del Prevala) kamen die Schneemaßen zum erliegen. Die beiden Alpinisten wurden mittels Flugrettung geborgen und mussten medizinisch versorgt werden.
- 1. Februar: Eine Lawine erfasst am Monte Tiarfin bei der Casera Razzo einen Skibergsteiger. Das Unglück ereignete sich in einem über 35° steilen Norhang auf 1.900 Höhenmetern, direkt an der Grenze zwischen den Provinzen Udine und Belluno. Der Verunfallte wurde circa einen Meter tief verschüttet und konnte nur mehr tot geborgen werden.
- 4. Februar: Auf circa 1.700 Höhenmetern in einem circa 35 bis 40° steilen Nord-Hangbereich des Monte Prasnig (Nebengipfel des Monte Lussari) löst sich gegen 16 Uhr eine Lawine. Sie erfasst einen sehr erfahrenen und sich in der Abfahrt befindlichen Variantenfahrer aus Tarvis und reißt diesen mit. Der Verunfallte kann nach einem lang andauernden Rettungseinsatz geborgen werden, erliegt aber wenig später seinen Verletzungen im Krankenhaus.
Gemeinsam ist diesen Lawinenunfällen, dass sie in nord- bis nordostexponierten Hängen und in sehr steilem Gelände (zwischen etwa 35° und über 40°) passiert sind. Zudem war die Lawinengefahr an den jeweiligen Tagen mit Erheblich (Stufe 3) oder Groß (Stufe 4) ausgewiesen.
- 4. oder 5. Februar: Bei Sella Nevea, im Bereich der nordseitigen Aufstiegsroute, die vom Prevala-Becken (Piano del Prevala) zum Prestreljenik Fenster führt, löste sich auf rund 2.000 Höhenmetern ein großes Schneebrett. Die Anrisskante war sehr mächtig, erstreckte sich über mehr als hundert Meter und war auf den Webcam-Aufnahmen der Bergstation Gilberti deutlich erkennbar. Es gab keine Personenbeteiligung.


Weiterhin angespannte Situation in Osttirol, den Hohen und Niederen Tauern
Aufgrund der weiterhin unterdurchschnittlichen Schneehöhen in den inneralpinen Regionen und der ausgeprägten bodennahen Schwachschicht ist eine defensive Tourenwahl unerlässlich. Ebenso sollte die Beurteilung einzelner Hänge konsequent defensiv erfolgen.
Bei der Lawinenwarnstufe 2 ''mäßig'' ist insbesondere in schneearmen Wintern höchste Vorsicht geboten. Aufgrund der geringen Schneehöhen erreichen Lawinen teils nur mittlere Größen. Da die Lawinengröße in der EAWS-Matrix ein zentrales Kriterium für die Einstufung der Lawinengefahr darstellt, bildet die ausgewiesene Gefahrenstufe die tatsächliche Komplexität der Situation nicht immer vollständig ab. Erst der Text des Lawinenlageberichts liefert die entscheidenden Details.
Die reine Gefahrenstufe kann im heurigen Winter daher auf den ersten Blick trügerisch wirken. Umso wichtiger ist es, den vollständigen Lagebericht zu lesen, in dem die maßgeblichen Faktoren wie Lawinengröße, Häufigkeit (an wie vielen Stellen eine Lawine ausgelöst werden kann) und Schneedeckenstabilität präzise beschrieben werden. Eine Einzelhangbeurteilung im Gelände, die sich ausschließlich auf Risiko-Reduktionsmethoden wie Stop or Go stützt, ist daher nicht ausreichend. Die im Lagebericht beschriebenen Parameter müssen dabei sorgfältig bewertet werden. Angesichts der aktuellen Situation ist eine defensive Tourenplanung ausdrücklich zu empfehlen.
Nicht zu vergessen: Laut einer Schweizer Statistik ereignen sich bei Lawinenwarnstufe 2 rund 29 % aller tödlichen Lawinenunfälle.
- 7. Februar: In einem bis zu 40° steilen Bereich des Nordosthangs der Plattenspitze (2.295 m) bei Obertauern löste sich am frühen Nachmittag auf etwa 2.250 Höhenmetern eine Lawine. Zwei sich im Aufstieg befindliche Tourengeher wurden von einem Schneebrett mittlerer Größe (Anrissbreite rund 150 m, Anrisshöhe bis zu 50 cm) mitgerissen. Beide konnten ihren Lawinenairbag auslösen und blieben unverletzt; sie wurden teilverschüttet und konnten sich selbstständig befreien. Die beiden erfahrenen Skitourengeher hatten den Hang bereits zuvor einmal befahren und im Kammbereich einen Schneedecken-Stabilitätstest (ECT-Test) durchgeführt. Dieser ergab das Ergebnis ECTX, was die Tourengeher auf stabile Verhältnisse schließen ließ. In der Nachanalyse zeigt sich jedoch, dass ein Schneedecken-Stabilitätstest nie Aufschluss über den Schneedeckenaufbau eines gesamten Hangs geben kann. Der Test wurde zudem zu nahe am Kammbereich des Hanges durchgeführt – einem Bereich, in dem der Schneedeckenaufbau durch Windumlagerungen oft stark verändert und daher nicht repräsentativ für den eigentlichen, lawinenrelevanten Hangbereich ist.


Bei der Interpretation von Schneedecken-Stabilitätstests (ECT,CT,RB,PST) muss immer darauf geachtet werden, dass diese nur für einen sehr kleinen Bereich des Hanges repräsentativ sind und nie Aufschluss zur allgemeinen Einschätzung eines gesamten Hangbereichs geben können. Streng genommen kann durch das Ergebnis eines Stabilitätstests die Befahrung eines Hangs nur ausgeschlossen, niemals jedoch gerechtfertigt werden!
8. Februar: Im Osthang der Großen Kesselspitze löst sich auf circa 2.300 Höhenmetern ein Schneebrett und verschüttet einen Tourengeher.
Aussicht & Gefahrenbeurteilung
Erneute Südstaulagen bringen bis zum Wochenende weiteren Schneefall in den Südalpen. In den Julischen Alpen ist in höheren Lagen örtlich mit bis zu 20 Zentimetern Neuschnee zu rechnen. Die Lawinensituation dürfte in den kommenden Tagen angespannt bleiben. Eine sorgfältige Auseinandersetzung mit dem Lawinenlagebericht sowie eine defensive Tourenplanung wird dringend angeraten. Eine kommunizierte Lawinenzeit sollte – ebenso wie ein spezifisches Lawinenproblem – ein angepasstes und entsprechend vorsichtiges Verhalten auslösen. Vermieden werden sollten steile nord- bis nordostexponierte Hänge. Ebenfalls zu beachten sind die Einzugsgebiete von Lawinen – also der Bereich, in den eine Lawine auch in flacherem Gelände noch vordringen kann. Aufschluss darüber liefert der ATHM-Layer, der in der Karte der Alpenvereins-Aktiv-App oder im Kartenbereich auf der Website von Skitourenguru eingeblendet werden kann (Skitourenguru FlexMap).

